Digitale Souveränität
Vom US-Ökosystem zum selbstbestimmten digitalen Alltag
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Brett Jordan
Vor einiger Zeit saß ich vor meinem Windows-PC und musste feststellen: Das Microsoft-Ökosystem ist verdammt bequem. OneDrive synchronisiert nahtlos mit Word und Excel, Flows verbinden Dienste mit einem Klick und WhatsApp, Instagram & Co vernetzen mich mit der Außenwelt. Doch diese Verzahnung, sei es bei Microsoft oder Meta, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Optimierung für genau einen Zweck: dich im eigenen Garten zu halten. Und ich war ein zufriedener Gärtner. Zumindest solange, bis ich merkte, was das eigentlich für meine digitale Souveränität bedeutet.
Produktivität und Dokumentenverwaltung
Microsoft 365 for Business bot eine fast magische Nahtlosigkeit. Ein Dokument in Word geöffnet, gespeichert und sofort auf dem Tablet weiterbearbeitet. Die Archivierung über OneDrive geschah im Hintergrund, Flows lösten automatisch Aktionen aus. Bequem? Absolut. Aber diese Bequemlichkeit hatte einen Preis: Alle meine Dokumente, Notizen und Arbeitsabläufe landeten in Rechenzentren in den USA, unterworfen dem CLOUD Act, der US-Behörden Zugriff auf Daten ermöglicht – unabhängig vom physischen Standort der Server.
Heute arbeite ich mit LibreOffice auf Linux und einer eigenen ownCloud-Instanz auf einem vServer, der in Berlin gehostet wird. Die 400 GB Speicher kosten mich nur rund 5 Euro im Monat, weil ich den Server ohnehin für andere Webprojekte nutze. Die Archivierung meiner Dokumente erledigen selbstgeschriebene Skripte, die mir vollständige Kontrolle über Struktur und Zeitpunkt geben. Warum ist das besser? Zunächst architektonisch: Statt einer zentralen Instanz in Virginia betreibe ich meine Dateninfrastruktur in Deutschland. Jedes Dokument, das ich speichere, bleibt auf meinem Server. Zweitens gewinne ich Transparenz zurück. Wenn ein Update kommt, entscheide ich über den Zeitpunkt der Installation, kein nächtliches Zwangs-Update mehr, das morgens um acht den Rechner lahmlegt. Drittens: Keine Lizenzkosten mehr, die jährlich steigen. 16 Euro monatlich für Microsoft 365 wandern nun in Hardware, die mir gehört. Ja, die Integration ist nicht mehr ganz so nahtlos. Aber ich habe etwas Wertvolleres gewonnen: das Bewusstsein, wo meine Daten sind und die Gewissheit, dass niemand außer mir darüber entscheidet.
So kommuniziere ich
WhatsApp und Instagram gehörten zum digitalen Alltag wie das Morgenkaffee. Die Messenger-App mit grünem Haken synchronisierte Kontakte, verschlüsselte Nachrichten und bot Videoanrufe, alles zentral über Meta-Server in den USA. Die Bequemlichkeit war täuschend: Jeder Kontakt, jedes verschickte Bild, jeder Gruppenchat wurde zur Profilerstellung genutzt. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt zwar den Inhalt, nicht aber Metadaten wie wer mit wem wann kommuniziert. Noch beunruhigender ist die lückenlose Verknüpfung über Meta's gesamtes Ökosystem hinweg. Dank Facebook-Pixel, Conversion-API und Social-Media-Login verfolgt das Unternehmen nahtlos, welche Produkte man beim Lieferdienst kauft, welche Weihnachtsgeschenke man im Onlinehandel bestellt oder welche Reiseziele man durchstöbert und verknüpft diese Aktivitäten mit deinem Meta-Profil. Aus Einzeldatenpunkten entsteht so ein 360-Grad-Bild des Nutzerverhaltens, das nicht nur Werbetreibenden zugutekommt, sondern auch staatlichen Stellen unter dem CLOUD Act zugänglich gemacht werden kann. Die zentrale Architektur in den USA macht diese totale Überwachung erst möglich. Eine dezentrale Alternative wie das Fediverse hingegen zerschlägt genau diese Datensammellogik von vornherein.


Foto von Sergei Starostin
DeltaChat ersetzt WhatsApp, Mastodon ersetzt Instagram. Beide basieren auf offenen Protokollen (Autocrypt bzw. ActivityPub) und einem dezentralen Netzwerkmodell. Statt eines einzigen Unternehmens, das das komplette Netz kontrolliert, existiert ein Föderationsmodell: Jeder kann seinen eigenen Server betreiben und bleibt dennoch mit anderen Instanzen verbunden. DeltaChat nutzt dabei sogar die vorhandene E-Mail-Infrastruktur – ich betreibe meinen eigenen Mailserver mit integriertem Adressbuch und Kalender (via CalDAV/CardDAV). Die Architektur ist fundamental anders: Statt zentraler US-Server laufen meine Dienste nun auf europäischer Infrastruktur, oft sogar ausschließlich innerhalb Deutschlands. Mastodon wiederum ermöglicht es mir, einer deutschen Instanz beizutreten, deren Betreiber ich kenne und dem ich vertraue. Ein weiterer Vorteil von Mastodon: Kein Algorithmus entscheidet mehr, was ich sehen darf.
Der Umstieg fiel leichter als gedacht. Ich nutze WhatsApp weiterhin parallel für jene Kontakte, die (noch) nicht wechseln möchten – und das ist vollkommen in Ordnung so. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen in meinem Umfeld, die neugierig geworden sind und selbst umsteigen. Die ersten Wochen checkte ich beide Messenger parallel, doch nach und nach entdeckten Freunde und Familie DeltaChat für sich. Nicht aus politischer Überzeugung oder technischer Ideologie, sondern schlicht weil die App genauso einfach funktioniert. Jedoch kommt DeltaChat sogar ohne Handynummer aus.
Mein Betriebssystem
Windows 11 mit all seinen Komfortfunktionen brachte auch permanente Telemetrie mit sich. Selbst bei deaktivierten Einstellungen flossen anonymisierte Nutzungsdaten Richtung Redmond. Die Systemaktualisierungen bestimmte Microsoft, inklusive jener legendären Neustarts mitten in der Arbeit. Ich war Nutzer, nicht Administrator meines eigenen Rechners.
Linux bildet heute inzwischen die Basis. Die anfängliche Scheu vor der Kommandozeile wich schnell der Erkenntnis: Moderne Distributionen sind erstaunlich benutzerfreundlich geworden. LibreOffice öffnet problemlos meine alten .docx-Dateien, der Browser ist der gleiche, die Tastaturbelegung identisch. Der Unterschied zeigt sich im Feinen: Keine ungefragten Updates mehr. Keine Telemetrie. Und wenn doch etwas nicht funktioniert, hilft die Community. Jeder Fehler wird zum Wachstumsmoment, nicht zum Frustauslöser. Die Architekturfrage stellt sich hier fundamental: Statt eines monolithischen Systems unter US-Recht nutze ich nun eine offene Plattform, deren Kernentwicklung weltweit verteilt ist. Und das auch mit starkem europäischem Beitrag. Ich entscheide, welche Pakete installiert werden. Ich bestimme, wann Updates eingespielt werden. Und ich kann jeden Teil des Systems verstehen, weil der Quellcode offenliegt. Letzteres gilt übrigens auch für alle oben genannten Alternativen.
Souveränität ist kein Ziel, sondern ein Prozess
Der Umstieg auf ein souveränes digitales Leben ist kein Sprint, sondern ein Spaziergang mit vielen kleinen Schritten. Die Bequemlichkeit der US-Plattformen ist real, doch sie ist erkauft mit einem schleichenden Verlust an Selbstbestimmung. Jeder Dienst, den du selbst hostest, jede App, die auf offenen Protokollen basiert, gibt dir ein Stück Kontrolle zurück. Die Architektur macht den Unterschied: Zentrale US-Plattformen folgen dem Prinzip „Du bist das Produkt". Dezentrale, offene Systeme folgen dem Prinzip „Du bist der Nutzer und gleichzeitig der Gestalter". Das eine Modell optimiert für Profit, das andere für Freiheit.
Und ja, manchmal vermisse ich die magische Nahtlosigkeit von Microsoft 365. Doch dann öffne ich meine ownCloud, sehe meine selbst organisierten Ordner und erinnere mich: Dieser Speicher gehört mir. Diese Daten gehören mir. Diese Infrastruktur antwortet mir und nicht umgekehrt. Der Umstieg geht. Er ist einfacher als sein Ruf. Und er beginnt nicht mit der Frage „Welches Linux nehme ich?", sondern mit „Welchen Dienst könnte ich heute als Erstes selbst in die Hand nehmen?"
Die Antwort ist oft überraschend einfach – und verändert doch alles.
30.01.2026 | Erfahrungsbericht
Verfasst von: BWA